Der Inktober für Autoren

und solche, die es gerne wären

Der Inktober inspiriert seit nun schon 10 Jahren Künstler und jedes Jahr freue ich mich auf die zahlreichen Werke, die online gestellt werden. Pro Tag ein Bild. Kein Masterpiece, einfach eine Kleinigkeit, um dran zu bleiben. Jeder Künstler macht etwas ganz eigenes daraus - und dieses Jahr habe ich zum ersten Mal gehört, das sich Leute davon auch zum schreiben inspirieren lassen!

 

Das wollte ich mir natürlich nicht nehmen lassen und jetzt versuche ich - so oft ich kann! - etwas kleines, mal kürzer, mal länger, zum jeweiligen Prompt zu verfassen. Viel Spaß!


Writober #09: Swing

Sie mochte diesen Platz. Er befand sich hoch oben, einen Hügel hinauf, sodass man einen wunderbaren Blick auf die Stadt hatte. Der Weg hierher war ein wenig unwirtlich, denn es gab nur einen schmalen Pfad, ja, ein Trampelpfad gleich und ihre hübschen, feinen Schuhe dankten es ihr nicht. Dabei zog sie stets ein Paar mit relativ flachem Absatz an, wenn sie sich hierher aufmachte! Als sie an diesem Tag an der Hügelkuppe ankam, bemerkte sie eine Veränderung. Kein großes Geheimnis, nein, ganz offensichtlich: Am Ast der großen Eiche hing eine Schaukel herab. Es war eine ganz einfache Schaukel, zwei Seile und ein Stück Holz – und sie schwang noch ein wenig. Wie seltsam. War es nun der Wind, der diese Schaukel zum schwingen brachte oder war bis eben noch jemand hier gewesen? Zögerlich näherte sie sich dem und sah sich um. Es war ein merkwürdiges Gefühl, jemand anderen hier zu wissen – denn irgendjemand musste die Schaukel an diesem Baum ja befestigt haben – da sie bisher nie jemanden hier erblickt hatte. Sollte sie besser wieder gehen? Fast fühlte sie sich ihrer Privatsphäre angetastet, doch das war natürlich Unsinn. So schüttelte sie merklich den Kopf, ehe sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen legte. Dann ergriff sie entschlossen nach dem Seil, setzte sich auf das Brett in ihrer Mitte und begann erst langsam, dann kräftiger hin und her zu pendeln. Zu dieser Stunde ging auch die Sonne unter und sie wollte sich vorstellen, irgendwann den Sternenhimmel zu erreichen, wenn sie weiter so durch die Lüfte schwang. Wer auch immer diese Schaukel hier angebracht hatte, sie war ihm zu Dank verpflichtet und hoffte jener Person eines Tags zu begegnen.

 

 

Was sie nicht wusste war, das Jener die Schaukel für sich als Grabe errichtet hatte. Die friedliche Hügelkuppe, von der man einen solch schönen Ausblick über die Stadt hatte, fiel in einer steilen Klippe ab. Sie hatte das nie gesehen, denn etwas hatte sie stets davon abgehalten, über den Rand zu blicken. Jemand wollte fliegen – und fiel stattdessen tief. Zurück blieb nur die Schaukel, die in der Stille schwang.

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Writober #4: Freeze

Ein Klingeln verriet, das die Ladentür geöffnet wurde, ein Zweites, das sie sich auch wieder schloss.
Der alte Mann sah auf, ließ die Zeitung sinken, als er einen Jungen von blasser Gestalt erblickte.
"Ich will mein Herz einfrieren.", erklärte dieser in ruhigem, sachlichen Ton. "Man sagt, das ist hier möglich." Er sah erschöpft aus. Müde Augen, die so gar nicht in das Gesicht eines Kindes passen wollten.
"Warum willst du das tun?", fragte der alte Mann, denn es stimmte, das dieser heruntergekommene Laden für derlei Anfragen spezialisiert war.
Der Junge fasste sich an die Brust, die Mimik nun verzweifelt. "Ich halte all das einfach nicht mehr aus!"
Der alte Mann nickte bedächtig. "Du wirst Kummer, Schmerz und Enttäuschung hinter dich lassen. Aber ebenso jegliche Chance auf neue Hoffnung und Glück."
Der Junge sah zu Boden, schwieg eine Weile. dann fragt er: "Was wird das kosten?"
Nun spiegelte sich Mitleid in den Augen des Mannes. "Mein Kind, wenn du das tust, dann hast du längst bezahlt."

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Writober #3: Bait

Ich spürte es und wollte es doch nicht wahrhaben. Wie eine Maus, die dem Käse in der Falle nachsetzt und ein Fisch den Wurm am Haken nicht widerstehen kann, wollte ich diesem Gefühl nachgehen. Ich konnte die Richtung genau ausmachen, roch es förmlich, das da etwas war, etwas, das ich haben musste, etwas, das mir fehlte. Doch ich wusste auch, das ich dem nicht nachgeben durfte. So viel meiner Selbst war mir noch geblieben.

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