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Ausflug ins Niemandsland

Teil 1 [2] 3 4

Cañon de los perdidos - Wüste von Ocucaje

Als ich an diesem Morgen aufwachte, wusste ich überhaupt nicht, was mich an diesem Tag erwarten würde. Cañon de los Perdidos – okay. Ich hatte mich auch nicht im Detail informiert, sondern nur gesagt „Da will ich hin!“ und so ließ ich das Ganze einfach auf mich zukommen.

 

Frühstück war bereits angerichtet, als ich um 07:30 Uhr in das Esszimmer schlich und dort Bekanntschaft mit zwei Kanadiern machte: Ashley und Mihal. Es stimmt, was man sich so über die Kanadier erzählt: Super freundlich, offen und warmherzig – wir verstanden uns auf Anhieb! Es stellte sich heraus, dass die beiden auch nur zufällig auf Informationen über den Canyon gestoßen sind und ebenso keine genaue Vorstellung hatten. Das würde spannend werden! Wir stärkten uns bei frischen Semmeln, Rührei, Avocado und Papaya, ehe es um 08:30 Uhr schließlich losging.

 

 

Zuerst legten wir allerdings noch einen Zwischenstopp auf einem kleinen, lokalen Markt in Ica ein, ehe wir die Wüstenstadt in südlicher Richtung verließen. Ein weiterer Halt auf der letzten Tankstelle auf unserer Strecke und dann lag vor uns nur eine einzige Straße inmitten ewiger Weite. Die wir plötzlich verließen. 


Querfeldein ging es eine ganze Weile, bis wir schließlich auf einer Anhöhe anhielten. Die Aussicht von dort – unbeschreiblich. Am Morgen in Ica war es noch bewölkt gewesen, aber binnen kürzester Zeit knallte die Sonne vom Himmel. Wir marschierten ungefähr 40 Minuten durch roten Vulkangestein und tiefe Sanddünen. Luis gab uns oft Hinweise wo es sich am besten lief, während er sich manchmal zurückfallen ließ, nur um vor uns an anderer Stelle wieder aufzutauchen (wie hat er das nur gemacht?). Wir hatten alle Zeit der Welt und diesen Ort in diesem Moment nur für uns alleine, nur begleitet von zwei Kondoren, die lautlos über uns kreisten.

 

 

Ich erinnere mich gut an die Stille zurück. Man hörte nur unsere Schritte im Sand und wenn wir innehielten, dann war da nichts. Kein Laut, keine Geräuschkulisse. Kein Autoverkehr, keine hupenden Fahrer, nicht das Surren von Maschinen, nicht einmal Tierlaute. Man hätte hier eine Ewigkeit aushalten können, um einfach nur zur Ruhe zu kommen.

Ganz seltsam inmitten der roten und goldenen Farben wirkte in der Ferne ein Stück Wald, welcher vom Fluss Ica speist. Zurück am Auto entleerten wir erstmal die halbe Wüste aus unseren Schuhen. Mit sandigen Füßen zu laufen ist echt gar nicht so leicht! Ich für meinen Teil habe auch halb im trockenen Meer gebadet, aber das war es wert *lach*


photographer: @waranqubnb
photographer: @waranqubnb

Danach ging es das Stück zurück, wo wir der asphaltierten Straße wieder begegneten. Doch anstatt ihr weiter zu folgen, überquerten wir sie nur. Die Landschaft hier war nun viel flacher, weniger sandig, sondern mehr geprägt von Kalk und anderer Erde. Das Auto wirbelte auf einer Seite meterhoch den Staub auf! Wir machten zweimal Halt um Fossile zu betrachten und nach weiteren zu suchen. Es ist verblüffend, wie sich die Aussicht in kürzester Zeit so sehr gewandelt hat.

 

 

Noch verblüffender fanden wir, wie sich unser Host Luis in dieser Einöde auskannte. Er erklärte uns später, das er sich unter anderem an den Bergformen am Horizont orientierte. Auch macht er diese Touren 3-4x die Woche. In der Wüste waren durchaus Autospuren erkennbar, denen man folgen konnte, aber das war nicht immer der Fall bzw. schlugen wir auch zum Teil andere Routen ein. Wir waren übrigens mit einem Jeep unterwegs und ich persönlich hätte heillose Angst um jedes Auto, denn der Wagen muss für eine solche Tour schon was abkönnen. Der Untergrund war mal furchtbar steinig, sodass es uns ganz schön durchgeschüttelt hat, zum anderen auch sehr weich, was zu einer rutschigen Angelegenheit wurde. Es wechselte zwischen flach zu steil, sodass eine Serpentinenfahrt angebracht war. Man muss schon wissen, wie man in einer solchen Umgebung zu fahren hatte und ich will nicht wissen, wie anstrengend das sein muss. Puh.

Ich poste hier zwar eine Menge Fotos, allerdings lässt sich das, was wir gesehen haben, so einfach nicht festhalten. Oder um es mit den Worten meines kanadischen Begleiters zu sagen: „This is craaaazy!“ (Ich weiß nicht, wie oft Mihal das an dem Tag gesagt hat :-)). Fakt ist: Wüste ist nicht gleich Wüste. Und die Wüste von Ocucaje ist überraschend wandelbar. Von Ebenen bis Bergen, von sandig bis steinig, von Panoramaausblicken bis hin zu beeindruckenden Felsformationen. Während wir zu Fuß versteinerte Korallenriffs begutachteten (kaum zu glauben, das dieser Ort vor Äonen unter Wasser lag) und auf ein Pferdeskelett stießen, fuhr Luis mit dem Wagen vor. In der Zeit, die wir drei zum Aufholen benötigten, hatte er Campingstühle ausgepackt und leitete damit eine Pause ein.

 

 

Leute, im Schatten des Autos zu hocken, Früchte zu Essen und ein Panorama vom Feinsten zu genießen – das hat Stil. Und was dafür in Peru dabei nicht fehlen? Richtig: Pisco. Und? Chilcano. Chilcano ist ein beliebter Cocktail in Peru, gemacht aus Zitronensaft, Ginger Ale und ebenfalls einem Schuss Pisco. Extrem erfrischend! Insbesondere, wenn er gerade frisch zubereitet wurde. Mega!

Ein weiterer, atemberaubender Fleck Landschaft – von dem ich ausnahmsweise kein Foto gemacht habe – eine sandige Ebene, aber mit Steinen. Okay, das klingt jetzt ziemlich unspektakulär, doch die Felsen wirkten fast wie angeordnet – ein Kunstwerk!

 

Langsam näherten wir uns auch dem Herzstück der Wüste: Dem Canyon. Ein ausgetrocknetes Flussbett zeigte uns den Weg. Interessanterweise wuchsen dort noch immer trockene Sträucher und ähnliche Pflanzen. Der Blick in die Schlucht war ziemlich beeindruckend, aber mindestens genauso schön war die winzige Oase, die sich in der Nähe befand. Dort schlugen wir quasi ein Lager auf. Die beiden Kanadier und ich machten uns dann auf den Weg. Obwohl der Wind ziemlich stark blies, waren dennoch Fußabdrücke von anderen Abenteuerlustigen zu sehen.

 

 

Cañon de los perdidos lässt sich in etwa mit Schlucht der Verlorenen übersetzen. Tatsächlich wurde dieser Abschnitt erst 2011 entdeckt, angeblich weil sich jemand verfahren hat (na das kann ich nur allzugut verstehen). Das Beste an dem Canyon? Niemand war dort, nur wir drei. Keine Schilder, keine Sicherheitshinweise, keine Absperrungen - kein Tourismus. Wir konnten uns frei bewegen und über die Felsformationen klettern. Sich diese Beschaffenheit der Natur anzusehen hat wahrlich Freude bereitet!

Wir waren bestimmt über eine Stunde auf Erkundungstour, ehe wir zum Wagen zurückkehrten. Dort erwartete Luis uns bereits wieder mit aufgestellten Campingstühlen und etwas zu Essen. Wir machten uns einige Sandwiches und stießen bei Dosenbier (oder in meinem Fall: Wasser *lach*) an, lehnten uns zurück, quatschten und genossen die Aussicht auf Wüste und Oase.

 

Nur eine Sache ist bei alldem Schade: Trotz dass die Wüste so verlassen daliegt, findet sich Müll in den verschiedensten Ecken. Manchmal wohl auch willentlich dagelassen, aber das Meiste wird der Wind weitergetragen haben, der hier ordentlich über die Ebene pfeffert. Es ist traurig, das selbst ein solcher Ort nicht von der Beschmutzung von Menschen gefeit ist.

 

Als wir wieder aufbrachen, war es ca. halb5 vorbei und obwohl die Sonne noch immer hell vom Himmel schien, wurde es merklich kühler. Das lag primär an dem starken Wind, der über die Wüste strich. Wir machten uns langsam auf den Rückweg und es war mir nach wie vor ein Rätsel, wie Luis sich in dieser Einöde orientieren konnte. Ein Stopp befand sich jedoch noch auf der Liste: Der Sonnenuntergang!

 

 

Wir bestiegen hierzu eine felsige Anhöhe, die überraschend anstrengend zu erklimmen war. Doch von hier aus hatten wir einen fantastischen Ausblick über die Wüstenlandschaft! Gleichzeitig war es verdammt kalt. Ich hatte mir über meine Bluse noch Pulli und Fleecejacke angezogen, was alles nur bedingt half. Der Wind zog fürchterlich stark! Das hätte ich nie erwartet. Und dann standen wir da, außer uns keine Menschenseele vorort und sahen zu, wie die letzten Sonnenstrahlen die Ebene in warme Farben tauchte. Der Horizont verschluckte die goldene Scheibe in nur wenigen Minuten – wahnsinnig schnell! Erfüllt von diesem Anblick marschierten wir schlussendlich zum Auto zurück, wo wir erledigt die Heimreise antraten. Da war es gerade gegen 6 Uhr gewesen.

Auf unserem Weg zurück machten wir jedoch noch eine Begegnung: zwei Pferde, die hier so gar nicht reinpassen wollten, machten die Wüste unsicher. Luis erzählte, er sähe die zwei Tiere seit ca. 2 Wochen, wisse aber auch nicht genau, warum sie auf einmal aufgetaucht waren. Ob sie ausgebüchst und sich verlaufen hatten? Es war ein Rätsel, welches ungelöst bleiben würde. Und wenn ich mich tagsüber schon fragte, wie Luis sich zurechtfand, so war es mir im Dunkeln noch unerklärlicher.

 

Zurück in Ica waren wir dann gegen 19:30 Uhr und sich in der Dusche schichtweise den Sand abzuwaschen war wirklich nötig :-) Später quatschten wir noch eine Runde mit Luis, ehe die beiden Kanadier und ich noch etwas Essen gingen, um den Abend ausklingen zu lassen. Dabei ist mir nur aufgefallen, dass ich abends ziemlich oft beim Sprechen auf Englisch einen Knoten in die Zunge bekommen habe, aber das ist nach so einem langen Tag wohl nicht verwunderlich! Es hat mich jedenfalls furchtbar gefreut, Bekanntschaft mit den beiden gemacht zu haben, sich auszutauschen und dieses Abenteuer mit ihnen zu teilen.

 

 

Am Morgen hatte ich noch nicht gewusst, was mich erwarten würde. Am Abend ging ich so zufrieden wie lange nicht mehr ins Bett. Manchmal muss man gar nicht alles so genau vorher wissen, sondern sich einfach darauf einlassen, genießen und staunen, was die Welt zu bieten hat.

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